Day after Day: Katalog Kunsthalle Fri-Art 2003-2007

Von einem Solarphantom
Rein Wolfs

Irgendwann ist die Welt anders geworden. So einfach und klischeehaft der Satz auch klingen mag, so undefiniert wirkt die zeitliche Andeutung. Irgendwann ist unpräzis, oder besser gesagt, irgendwann ist höchstens die scheinbare Andeutung einer zeitlichen Festlegung.
Irgendwann ist die Welt anders geworden, so könnte auch der erste Satz eines Märchens lauten. Stimmen tut der Satz schon gar nicht, weil er, wenn schon, dann doch zumindest in Plural strukturiert sein müsste. Die Welt hat sich ja des Öfteren verändert, nicht nur einmal – sie befindet sich in einer dauernden Veränderung inbegriffen.
Reden wir von der Welt in der wir momentan leben, dann wird wohl am häufigsten der 11. September 2001 als totaler Wendepunkt im Weltgeschehen gesehen. Nie in diesem noch jungen Jahrtausend gab es einen heftigeren Umsturz als an diesem traumatischen Tag der kaum nachvollziehbaren Zerstörung. Der 11. September hält seither fast für alles, was falsch gelaufen ist, hin. Unsere Zeit, die von Angst vor Terrorismus und wirtschaftlichen Desastern geprägt ist, scheint auf dieses spezielle Datum zurückzuführen zu sein.
Der Keim für den 11. September wurde aber bereits früher gelegt: Da war der religiöse Umsturz im Iran, Ende der Siebziger Jahre, bei dem die Vereinigten Staaten durch eine schier endlose Geiselnahme in Schach gehalten wurden, oder die Radikalisierung samt russischem Einmarsch in Afghanistan. Beides sind Anfänge von Momenten als die Welt zum vorvorletzten Mal vor der grossen Wende des 11. Septembers anders wurde. Danach, retrospektiv betrachtet eher sich auf einem Nebenschauplatz abspielend, wurde zudem gegen Ende der Achtziger Jahre der sowjetische Kommunismus gestürzt. Die radikal neue Verbindung von Kirche und Staat im Osten und der amerikanische Protektionismus der so genannten freien westlichen Werte als Antwort, beides Ereignisse der Siebziger und Achtziger, brachten die Balance der Welt aus dem Gleichgewicht und bildeten den Anfang einer neuen Polarisierung nach dem Kalten Krieg. Und so sagen wir nun: irgendwann in den späten Siebziger und frühen Achtziger Jahren ist die Welt anders geworden.

Ein Europäer

Am 20. Juni im Jahr 1979 richtete sich der 39. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der Demokrat aus Georgien und ehemalige Erdnussfarmer James Earl Jimmy Carter Jr., zur Presse um sein Engagement in Sachen Umwelt- und Energiepolitik auf überzeugende Art zu erläutern. Nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern auch praktisch schaffte er es auf glänzende Art seinen zukunftsweisenden Standpunkt klar zu machen. Carters Rede diente nichts weniger als der symbolischen Lancierung einer neuen Umweltpolitik und gleichzeitig der tatsächlichen Einweihung einer Solaranlage, die im Auftrag des Präsidenten selber auf dem Dach des Weissen Hauses installiert worden war. Amerika, so sagte Carter, stände am Anfang einer grossartigen Zukunft der Verwendung von Sonnenenergie als Antwort auf die globale politisch fundierte Energiekrise und die knapper werdenden fossilen Ressourcen. Das magische Jahr 2000 wurde als Zieldatum für den Triumph einer neuen nachhaltigen Energiepolitik formuliert.
Schon bei seinem Antritt hatte er in seiner ersten präsidialen Rede an die Nation von der Notwendigkeit einer neuen Energiepolitik gesprochen. Dabei hatte er sich – so behaupten Carter-Kritiker – den faux pas geleistet, die Amerikanerinnen und Amerikaner dazu aufzufordern die Heizung herunter zu drehen und sich warme Pullis überzuziehen. Amerikanerinnen und Amerikaner haben es bekanntlich nicht gerne unbequem und erwarten eher neue technologische Lösungen als dass sie, fast europäisch rückständig, auf ihren erworbenen Komfort verzichten müssten. Knapper werdende Ressourcen fordern die Suche nach neuen Ressourcen, nicht der bäuerisch spartanische Verzicht auf gute amerikanische Werte wie Wohlfahrt, Weltführung und ökonomisch fundierte Rationalität.
Carter beliess es aber nicht nur bei den warmen Pullis und dem Dreh am Thermostat. Während seiner vierjährigen Amtszeit hat er viele Millionen in die Forschung in Sachen Sonnenenergie gesteckt. Ein echtes Energieministerium wurde unter seiner Führung ins Leben gerufen. Die Umwelt- und Energiepolitik im neu herausformulierten Bewusstsein von Carter hielt den Fingermerk darauf, dass die bisher verwendeten Ressourcen der Erde nicht endlos auszuschöpfen sind. War Jimmy Carter ein Al Gore, der momentane amerikanische Energie-Guru, avant la lettre? Auf jeden Fall wirkt sein damaliger Einsatz für nachhaltige Werte im Retrospektiv eher europäisch als amerikanisch, bringen wir uns die fast sprichwörtliche amerikanische Verweigerung in Sachen Bekämpfung von globaler Erwärmung in Erinnerung.

Ein Amerikaner

Carter verlor die nächsten Präsidentschaftswahlen gegen seinen republikanischen Gegner, Hollywood B-Schauspieler Ronald Reagan. Als entscheidend bei der Nicht-Wiederwahl gilt vor allem Carters misslungenes Handling der vierhundertvierundvierzigtägigen Geiselnahme von zweiundfünfzig amerikanischen Staatsbürgern in der Botschaft in Teheran. Aussenpolitisch galt Carter bei seinem eigenen Volk als schwach. Dem sowjetischen Einmarsch im benachbarten radikalisierenden Afghanistan begegnete er nicht mit Waffen, sondern mit einem, wahltaktisch gesehen wenig populären Boykott der 1980er Olympiade in Moskau. Carter war also nicht der Mann, der die fortschreitenden muslimfundamentalistischen Bestrebungen und die sowjetkommunistischen Expansionsdriften entscheidend kontern würde. Dabei ging fast vergessen, dass er Entscheidendes an die Camp David Friedensverhandlungen zwischen Israel und Ägypten beitrug und die SALT II Verträge mit der Sowjetunion aushandelte. In 2002 erhielt er dafür sogar den Friedensnobelpreis gesprochen.
Während seiner Pressekonferenz zur Einweihung der Solaranlage auf dem Dach des westlichen Flügels des Weissen Hauses und zur Vorstellung seines umfangreichen Solarenergieprogramms kündigte, vielleicht staatsmännisch nicht ganz selbstsicher, Carter auch Zweifel an seinen Ideen an. Möglicherweise, so sagte er, möglicherweise würden seine Sonnenkollektoren für spätere Generationen wenig mehr sein als ‚a curiosity, a museum piece and an example of a road not taken’. Und tatsächlich muss gesagt werden, dass die Anlage nicht lange in Funktion war, wurde sie bereits sechs Jahre später im Auftrag seines Nachfolgers abmontiert und weggestellt. Im nächsten Jahrzehnt wurden die in Vergessenheit geratenen Kollektoren dann auf dem Dach eines Colleges in Maine montiert, um mit all ihrer präsidialen Vergangenheit und symbolischer Bedeutung für die Energieversorgung der Kantine besorgt zu sein.
Der Nachfolger, der radikal mit den Ideen seines Vorgängers bricht, ist nicht mehr weg zu denken in unserer auf extremen Erfolg bedachten Gesellschaft. Ständige Erneuerung und Neuerfindung gehören zu den Grundwerten des kapitalistischen Systems, das auf Pfeilern wie Konkurrenz und Freiheit gebaut ist. Reagan war, sicher im Vergleich zu Carter, das kapitalistische Monstrum pur sang, die absolute Karikatur der freien Marktökonomie, amerikanischer als amerikanisch sozusagen. Einen grösseren Gegenpol hätte man dem armen Carter nicht nachfolgen lassen können. Gegenüber dem einfach gestrickten schauspielerischen Propheten der kapitalistischen Expansionspolitik mit einer eher kurzsichtigen auf Gewinnmaximierung getrimmte Strategie wirkt Carter im Nachhinein wie ein halber Philosoph, ein auf Nachhaltigkeit bedachter Langzeitstratege, der das Risiko einer raschen Musealisierung seiner Politik bewusst im Kauf genommen und ausformuliert hatte. Ein halber Philosoph… Ja vielleicht schon fast ein Künstler, dessen Massnahmen weniger aus dem Edelstahl des bis dazumal unter amerikanischen Präsidenten populären Waffenzeugs als aus dem träumerischen Sand seiner globalen Visionen gebaut waren. Sand ist bekanntlich weniger hart als Edelstahl, dafür aber sicher flexibler, anpassungsfähiger, sympathischer und in greifbarer Nähe der meisten Menschen auf unserer Erde. Der fast europäisch gestrickte Künstlerpräsident versus dem grotesk amerikanischen Schauspielermacho könnte den Stoff für eine populäre Tragödie bilden, bildet aber tatsächlich den Stoff für ein subtiles Kunstwerk über die Welt, die irgendwann anders wurde.

Zwei Künstler

A curiosity, a museum piece and an example of a road not taken ist ein zusammengesetztes Werk von Christina Hemauer und Roman Keller. Mit zeitgemässen künstlerischen Strategien wird das oben umschriebene Spannungsfeld umkreist, offen gelegt und in ein transhistorisches Kunstwerk verwandelt. Mit der Technik des Re-Enactments wurde Carters Pressekonferenz während der Ausstellungseröffnung zu einer Performance. Mit der Technik des schwarzweissen Dokumentarfilms werden die scheinbar einfachen geschichtlichen Wanderungen der Sonnenkollektoren zu einer vielseitigen und bedeutungsschwangeren Metapher der Weltgeschichte zwischen Fact und Fiction. Mit der Technik der Installation werden die verschiedenen Ebenen im Ausstellungsraum zu einem überlagerten Amalgam verschiedener Perspektiven und Herangehensweisen zusammen geschweisst.
Hemauer und Keller behaupten sich mit A curiosity, a museum piece and an example of a road not taken als politische Künstler, deren künstlerische Ambitionen sich mit den politischen Fakten und Geschehnissen anlegen. So entsteht eine Kunstinstallation, die dem Paradoxon von Nachhaltigkeit und Ökonomie, auch verstecktes Thema des aktuellen überökonomisierten Kunstbetriebs schlechthin, auf den Grund zu gehen probt. Wie nah kann die Kunst dem Kommerziellen kommen bevor sie ihre Bedeutung als Medium der Nachhaltigkeit gefährdet? Die Installation von Christina Hemauer und Roman Keller in der Kunsthalle Fri-Art ist eine zeitgemässe, eine zweitausender Reinszenierung und Verschiebung eines Stücks fast versteckter Weltgeschichte, dessen Bedeutung auch aus der heutigen Interpretation und bewusst gewählter künstlerischer Perspektive heraus entscheidend gefärbt wird. Dabei ist es fraglich, inwiefern Carters sonnenenergetischer Gewaltakt und dessen dazugehörige, aus dem Lauf der geschichtlichen und politischen Ereignisse heraus notwendige Scheitern historisch gesehen für wichtig durchgehen können. Gehört der Stoff aus dem Hemauer/Kellers Werk gebildet ist zu den entscheidenden Momenten der Weltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts oder ist er schlussendlich nichts mehr als eine Fussnote eines grösseren und epischeren Textes, der als literarisches und dokumentarisches Destillat des post Zeitalters übrig geblieben ist? Ist die Welt tatsächlich irgendwann in den späten Siebziger und frühen Achtziger Jahren anders geworden?

Ein Museum

Wenn Jimmy Carter während seiner Rede in all seiner ungemütlichen Vorahnung und mit seinem existenziellen Zweifel, normalerweise eher den Europäern eigen, das eventuelle Misslingen und die mögliche Musealisierung seines Vorzeigeprojekts vorweg nahm, ahnte er nicht dass zwei Schweizer Künstler fast dreissig Jahre später das Solarphantom buchstäblich musealisierten durch ihrer Freiburger Ausstellung. Aber vielleicht träumte er heimlich von der künftigen Beisetzung seiner nicht endlos brauchbaren Kollektoren in einer Institution die von ihrem Auftrag her als Aufbewahrer nachhaltiger Werte angesehen wird. Nun ja, Fri-Art gilt dann wohl nicht als eine auf Konservierung angelegte museale Institution, aber mit dem, was potenziell nachhaltig sein könnte, die Kunst, befasst sie sich als Kunsthalle ohne weiteres. In einem Art Museum ist Carters energetisches Programm, viel später, erneut zu öffentlichen Ehren gekommen und Anlass zu einer vertieften Reflektion geworden.
Hemauer und Keller thematisieren den notwendigen Gang der Geschichte und die transatlantische Problematik, sie thematisieren Carters Energiepolitik, sie thematisieren ein historisches Projekt des Scheiterns und die Art und Weise wie sich die Kunst zur Realität verhalten kann. Sie musealisieren ein ausgedientes Stück Propaganda, wenn man so will und die Verschiebungen in der Wahrnehmung von historischen Ereignissen. Theatralisch in der musealisierten künstlerischen Installation dargestellt, wird Carters Rede zu einer Groteske, die alles ins Übertriebene rückt. Eine Übertreibung, die aber gleichzeitig in der Sorgfältigkeit der dazu produzierten Videodokumentation gekontert wird.
Das Museum ist ein Ort der Reflektion schlechthin, die Kunst ein Ort, wo Wahrheit in Frage gestellt wird. Falls die Kunst der letzten hundert Jahre eines klar gemacht hat, ist es wohl dass fast nichts so ist wie es ist und scheint, dass die Wahrheit als solche nicht existiert und die Wahrnehmung und die Perspektive entscheidend für das Sein der Dinge sind. Obwohl im Museum üblicherweise eine klare kunsthistorische Linie als das Mass aller Dinge angesehen wird, ist das aktuelle Museum gleichzeitig ein Ort, wo der Zweifel, die Relativität und die kritische Hinterfragung zelebriert werden. Carters Solarpolitik könnte problemlos als historisches Phänomen mit aktueller Bedeutung musealisiert werden. Kunst ist sie aber nicht einfach so. Politik, träumerische Politik eher, ein bisschen poetisch, sicher im Vergleich mit der Ideologie der meisten seiner amerikanischen Amtsgenossen.
Im museumstauglichen Raum des Kunstwerks treffen sich Carter und Hemauer/Keller und treffen sich Politik und Kunst. Für den konzentrierten Betrachter wird im Fri-Art klar, dass Jimmy Carters Akt vor allem ein rein politischer Akt gewesen ist und dass Hemauer und Keller diesen Akt in einem künstlerischen Akt verwandelt haben und transhistorisch zu einem Akt voller Zweifel, Relativität und kritischer Hinterfragung umgepolt haben. Carters europäischer Zweifel wird zu künstlerischer Relativität, seine Bedeutung kulturell, ja künstlerisch interpretiert. Und die beiden Künstler nehmen mit ihrer teils dem Journalismus ähnlichen Herangehensweise bewusst Einfluss auf das politische Geschehen, dessen Lauf sie aus zweitausender Sicht neu deuten. A curiosity, a museum piece and an example of a road not taken ist die Erfüllung von Michel Ritters Worten: ‚Jeder künstlerische Akt ist ein politischer Akt’.

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