BACKGROUND

Am 18. April 1977 beginnt Jimmy Carter mit folgenden Worten eine TV-Ansprache an die amerikanische Bevölkerung:

Tonight I want to have an unpleasant talk with you about a problem unprecedented in our history. With the exception of preventing war, this is the greatest challenge our country will face during our lifetimes. The energy crisis has not yet overwhelmed us, but it will if we do not act. […]

We simply must balance our demand for energy with our rapidly shrinking resources. By acting now, we can control our future instead of letting the future control us. Two days from now, I will present my energy proposals to the Congress. Its members will be my partners and they have already given me a great deal of valuable advice. Many of these proposals will be unpopular. Some will cause you to put up with inconveniences and to make sacrifices.

The most important thing about these proposals is that the alternative may be a national catastrophe. Further delay can affect our strength and our power as a nation. Our decision about energy will test the character of the American people and the ability of the President and the Congress to govern. This difficult effort will be the «moral equivalent of war» 1) except that we will be uniting our efforts to build and not destroy. […]

1) Jimmy Carter bezieht sich hiermit auf einen Vortrag des amerikanischen Philosophen William James von 1906 mit dem Titel «The Moral Equivalent of War».

Das von Jimmy Carter lancierte Forschungsprogramm für Erneuerbare Energien war zu diesem Zeitpunkt einmalig. «Solar America» hiess das Motto. Im Rahmen des «Energy and Defense»-Projekts liess Carter ein Konzept mit der Überschrift «Dispersed, Decentralized and Renewable Energy Sources: Alternatives to National Vulnerability and War» ausarbeiten, das bis zum Jahr 2050 die volle Umstellung der amerikanischen Energieversorgung auf Erneuerbare Energien empfahl und zu widerlegten versuchte, dass die Kosten dafür zu hoch seien. Nebst den staatlich finanzierten Programmen entstanden im gleichen Zeitraum zahlreiche Grassroots-Initiativen.

1979 liess Jimmy Carter eine thermische Solar-Anlage auf dem Dach des Weissen Hauses installieren. Am 20. Juni wandte er sich in einer Fernseh-Ansprache vor der Installation an das amerikanische Publikum.

Im gleichen Sommer wurde die USA durch die zweite Ölkrise erschüttert. In den meisten Staaten musste das Benzin rationiert werden und ein Lastwagenfahrer-Streik führte dazu, dass zeitweise kaum noch Frischwaren und Fleisch zum Kauf angeboten werden konnten. Carters berühmte «Crises of Confidence»-Rede vom 15. Juli 1979 war eine Reaktion auf den sich schnell zuspitzenden Notstand.

Ein Jahr später wird Jimmy Carter abgewählt. Kurz nach der Machtübernahme von Ronald Reagan wird die Solar-Anlage wieder von dem Dach entfernt. Zu der Art und Weise, wie die Paneele vom Dach des West Wings demontiert wurden, gibt es verschiedene, widersprüchliche Aussagen.

Reagan, dessen Wahlkampf von den US-Ölkonzernen finanziert worden war, zerstörte Carters Energie-Programm systematisch. Als dessen Amtszeit 1989 zu Ende ging, war das US-Förderprogramm für Erneuerbare Energien auf etwa 10 Prozent der Summe von 1980 reduziert worden. Reagans Nachfolger Bush senior und Bush junior setzten Reagans Linie nahtlos fort, und selbst Clinton vermochte nichts daran zu ändern. Reagans Energie-Politik entsprach sowohl den Interessen der Öl- wie der Rüstungskonzerne, die nicht nur das einflussreichste innenpolitische Umfeld der amerikanischen Politik darstellen, sondern bei Reagan, Bush senior und Bush junior auch weit überwiegend das Regierungspersonal stellten und stellen.

Der Ansatz Reagans mündet direkt in das von US-Vizepräsident Cheney im Sommer 2001 vorgelegte «Nationale Energieprogramm», das in der Empfehlung gipfelt, die Sicherung der weltweiten Energieressourcen ins Zentrum der US-Aussen- und Sicherheitspolitik zu rücken.

Energie-Interessen haben schon länger Einfluss auf die Geopolitik der U.S.A. Jimmy Carter selbst äussert sich 1980 in der so genannten «Carter-Doktrin» wie folgt: «Jeder Versuch einer auswärtigen Macht, die Kontrolle über die Region am Persischen Golf zu erlangen, wird als Anschlag auf die vitalen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika betrachtet, und solch ein Anschlag wird mit allen notwendigen Mitteln, einschliesslich militärischer Gewalt abgewehrt werden.»

Ironischerweise wurde im Jahr 2003 erneut eine Solar-Anlage auf dem Weissen Haus installiert. Der Initiant war jedoch nicht Präsident Georg W. Bush, sondern der National Park Service, der für den Gebäudekomplex des Weissen Hauses zuständig ist.

In seiner State of the Union-Ansprache im Januar 2006 hat Bush junior zum allgemeinen Erstaunen die Abhängigkeit vom Erdöl wieder zum Thema gemacht. Sein ehemaliger Wirtschaftsminister Don Evans drückt es so aus: «There is not enough supply of oil in the world to grow our economy or the global economy at its full potential…» Erneut soll mehr Geld in die Erforschung von Alternativen investiert werden (Advanced Energy Initiative). Allerdings wird neben den «klassischen» regenerativen Energien wie Sonne, Wind und Biokraftstoffe und Bemühungen zur Steigerung der Energieeffizienz vor allem die Kernenergie gefördert werden. Das von Bush genannte Ziel, die amerikanischen Ölimporte aus dem Nahen Osten bis zum Jahre 2025 um 75% zu reduzieren wird von den meisten Expertinnen und Experten - unter den vorgeschlagenen Bedingungen - als unerreichbar erachtet.

VERBLEIB DER CARTER-SOLAR-ANLAGE
Die Recherche nach den von Jimmy Carter installierten Solar-Kollektoren hat ergeben, dass Mitarbeiter eines Colleges in Unity (Bundesstaat Maine) die vom Dach des Weissen Hauses demontierten Solar-Paneele gesichert und 1991 auf dem Kantinendach der Schule wieder installiert haben.

Da die Paneele in der Zwischenzeit ihre wirtschaftliche Lebensdauer längst überschritten haben, denkt die Schule nun darüber nach, die Solar-Anlage zu demontieren.

Christina Hemauer und Roman Keller haben sich mit zwei Kollektoren im Gepäck auf eine Reise zu den verschiedenen ehemaligen Aufenthaltsorten der Solaranlage gemacht. Unterwegs wurden Interviews mit Personen aufgezeichnet, die mit der Installation auf dem Weissen Haus zu tun hatten oder von der Ölkrise betroffen waren.